Kommunikations-Apps sind für die meisten Smartphone-Nutzer nicht mehr weg zu denken. Vor allem What’sApp mit über einer Milliarde Downloads alleine im Google Play Store ist beliebt. Und das obwohl bekannt ist, dass What’s App gravierende Sicherheitsmängel nicht behebt. Doch es gibt Alternativen zum Platzhirschen aus Kalifornien. RedPhone zum Beispiel wurde 2014 von Edward Snowden auf einer SXSW-Konferenz (SXSW steht für „South by Southwest“,eine Mischung aus Festivals und Fachausstellungen in Austin/Texas) empfohlen. Aber wie funktioniert diese App und was kann Sie? Ein Testbericht.
Als ich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis gefragt habe, wer die App RedPhone benutzt, erntete ich ratlose Blicke. Auch über eine Facebook-Umfrage bekam ich keine Antwort. Niemand hat jemals etwas davon gehört. Ein Blick in den Google Playstore zeichnet ein anderes Bild: 500.000 Downloads hat der Playstore demnach für diese App gezählt. Zugegeben, im Vergleich zu What’s App ist das eine verschwindend kleine Zahl. Dennoch ist es Rätsel, warum offenbar niemand jemals etwas davon gehört hat. Ist RedPhone also nur eine App für Geeks?
RedPhone ist eine kostenfreie Android-App, mit der verschlüsselte Telefongespräche über die W-LAN-Verbindung möglich sind. Hierfür wird die Technologie der „End-to-End encryption“ verwendet. Das bedeutet, dass das Gespräch beim Sender verschlüsselt und erst beim Empfänger entschlüsselt wird. Grundlage für diese Technik ist das sogenannte „ZRTP“ (Z + Real-Time Transport Protocol). Die Gesprächspartner erhalten damit einen Schlüssel, den nur sie kennen. Bei RedPhone wird er beim Gespräch angezeigt. Dazu später mehr. Interessant ist, dass der Quellcode der App öffentlich zugänglich ist. Wer sich auskennt, kann ihn bei GitHub herunterladen. Entwickelt wurde die App von Open Whisper Systems, die sich auch für TextSecure verantwortlich zeichnen. Der Entwickler plant, beides in einer App zu verschmelzen, sodass abhörsicheres Telefonieren und Chatten nicht mehr voneinander getrennt sind.
Bevor man die App benutzen kann, muss man sich registrieren. Das ist nicht weiter schwer, denn dafür braucht die App nur zwei Angaben: Die Ländertelefonvorwahl (sehr praktisch mit einer Länderliste gelöst) und die Handynummer. Damit geht RedPhone sicher, dass die Telefonnummer mit dem benutzten Smartphone übereinstimmt. Und dann kann es im Prinzip schon losgehen. Es kann aber passieren, dass zwei Registrierungen notwendig sind, bis das Programm ordentlich funktioniert.
Zusammen mit zwei Freiwilligen habe ich die App eine Woche lang getestet. Die Bedienung ist sehr einfach. Beim Starten der App gelangt man direkt ins Adressbuch. Dort sind die RedPhone-Nutzer alphabetisch sortiert. Rechts daneben befindet sich das Protokoll. Es listet nicht nur die Gespräche mit der App auf, sondern greift auch auf das Telefonprotokoll des Smartphones zu. Alle Telefonate, die ich mit den beiden Testpersonen in den letzten Jahren geführt habe, sind dort aufgelistet. Umgekehrt ist das bei Testperson 1. Sie sieht in ihrem normalen Telefonprotokoll alle RedPhone-Telefonate. Weiter rechts im Menü folgen noch die Favoriten und die Wähltastatur.

Das Telefonieren funktioniert wie das jeder von seinem Smartphone kennt. Wenn man einen Anruf annimmt ertönt ein Signalton, der an ein Blubbern erinnert. Steht die Verbindung, erklingt ein kurzes helles „bing“, so als ob man eine Klangschale anschlägt. Nur RedPhone-Nutzer können über diese App angerufen werden. Beide Gesprächspartner erhalten für das Gespräch einen identischen Code (Schlüssel). Dieser besteht aus zwei völlig zufällig miteinander kombinierten Wörtern in orangenfarbener Schrift. Beim ersten Gespräch mit Testperson 1 war es beispielsweise „button cannonball“. So soll ein Eingreifen Dritter in das Gespräch verhindert werden. Rechts daneben befindet sich ein weißer Haken, den man ausschalten kann. Aber Vorsicht: Der Haken kann beim Gespräch nicht wieder aktiviert werden. Er bleibt auch beim nächsten Gespräch mit der Person deaktiviert.
RedPhone hat auf viele Prozesse im Smartphone Einfluss. Nicht nur das Telefonbuch benutzt es mit, auch der Hintergrund ist betroffen. Testperson 2 schaltet alle Apps über den Task-Manager aus, die sie gerade nicht braucht. Während What’sApp das akzeptiert und Testperson 2 dadurch keine Nachrichten mehr senden und empfangen kann, läuft RedPhone im Hintergrund weiter. Obwohl es scheinbar ausgeschaltet ist, können Anrufe entgegengenommen werden. Für den Tester ist das ein großer Kritikpunkt. Möchte man ein ganz normales Telefonat über das Mobilunknetz tätigen, wird man vorher gefragt, ob man unsicher (also über das Mobilfunknetz) oder sicher (über RedPhone) telefonieren möchte. Obwohl die App das Gespräch nicht direkt für sich beansprucht, fühle ich mich dadurch bevormundet.
Die App hat einen hohen Akkuverbrauch. Hinzu kommt, dass die Verbindung im Mobilfunknetz sehr schlecht ist. Teilweise kommt es zu Rückkopplungen. Am besten sucht man sich einen W-LAN Hotspot mit Steckdose in der Nähe. Aber auch dort kommt es häufig zu Aussetzern in der Verbindung. Gelegentlich hört man sich doppelt, ansonsten gibt es aber so gut wie keine Störgeräusche. Die Tonqualität der Gespräche ist, bis auf die erwähnten Aussetzer, sehr gut.
Fazit: Tester 1 würde die App weiter verwenden, weil sie abhörsicher ist. Allerdings stellt sie der große Verbrauch des Daten-Volumens vor Probleme. Sie brauche ihr Guthaben für andere Dinge. Daher könne sie nur im W-LAN-Netzen mit der App telefonieren und nicht unterwegs. Tester 2 hingegen möchte die App nicht weiter benutzen. Für ihn bietet What’sApp mehr als RedPhone. Dass die App im Hintergrund immer aktiv bleibt, ist für ihn ein No-Go. Ich persönlich hatte mir mehr von der App versprochen. Klar, die Bedienung ist sehr einfach. Die App ist abhörsicher. Dennoch hatte ich außerhalb vom W-LAN-Netz große Verbindungsprobleme. Für sichere Gespräche von Zuhause ist die App aber gut geeignet. Für Neunutzer ist es schwer, lange an dieser App festzuhalten. Wer niemanden kennt der sie benutzt, wird schnell wieder zu den bekannten Apps zurückkehren. RedPhone hat Potenzial, konnte aber vom Lob Edward Snowdens nicht profitieren.